Dokumentationsstelle für Dortmunder Kirchengeschichte ::
Fronleichnam Text

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Wichtiges Zeitdokument und Glaubenszeugnis aus der Zeit des Nationalsozialismus
Film „Dortmund feiert Fronleichnam 1937“

 

Die Dokumentationsstelle für Dortmunder Kirchengeschichte im Katholischen Centrum, Propsteihof 10, 44137 Dortmund, verfügt neben umfangreicher Literatur, neben Texten, Dokumenten und Bildern zur Kirchengeschichte Dortmunds auch über ein Bild- und Tonarchiv. Es steht wie die Literatur allen Interessierten offen und kann während der Öffnungszeiten mittwochs 10 bis 12 Uhr oder nach Vereinbarung eingesehen werden. Unter den Filmen ist der Stummfilm „Dortmund feiert Fronleichnam 1937" als wichtiges Zeitdokument und Glaubenszeugnis bemerkenswert. Er konnte mit Spendengeldern digitalisiert und kann auf Wunsch nach Vereinbarung in der Stelle eingesehen werden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen den Film im Rahmen eines Vortrags einem interessierten Zuhörerkreis gerne vor.
Der Autor ist unbekannt, ebenso der Grund für die Aufnahme und der mögliche damalige Adressatenkreis; darüber und über die Frage, welche Bedeutung der Film für heutige Zuschauer haben kann, wird am Ende des Textes nachgedacht.
Der Film beginnt mit einem Stadtpanorama aus der Vogelperspektive: Zechen Stahlwerke, rauchende Schlote, Eisenbahnen – Zeichen der Industriestadt Dortmund – werden mit verschiedenen Kirchen Dortmunds kontrastiert, zu erkennen sind u. a. Liebfrauen, St. Joseph, Hl. Kreuz, St. Bonifatius. Aufnahmen aus der Innenstadt spiegeln das Großstadtleben wieder, so sind das Burgtor, der Grafenhof und der Wall zu sehen; reger Verkehr von Straßenbahnen und Autos zeigen die auch schon damals hohe Verkehrsdichte in der Stadt.
Hierauf werden die Arbeiten beim Aufbau der Stationsaltäre und beim Straßenschmuck gezeigt: Grüne Bäumchen, Wimpelreihen über den Straßen, Fahnen aus Häusern und am Straßenrand, Blumenschmuck und Aufstellen des Kreuzes am Altar. Ein Titel im Film verkündet: „Am Morgen des Festtages eilen die Katholiken zunächst zu dem eucharistischen König in der Pfarrkirche“. Die Kamera richtet sich auf den Eingangsbereich der Liebfrauenkirche. Dort und auf der Straße haben sich zahlreiche Gläubige aufgestellt, unter denen die vielen Kommunionkinder und Jugendlichen auffallen. Der Film hat keinen Ton; Glocken in Nahaufnahme (Propstei?) ersetzen akustische Wahrnehmungen. Ein weiterer Schriftzug wird eingeblendet: „Gegen 9 Uhr sammeln sich die Gläubigen an der Propsteikirche und folgen von dort aus dem Triumphzug des Heilandes“. Kirchenschweizer mit Hellebarden sorgen für Ordnung beim Aufstellen und Eingliedern der vielen Prozessionsgruppen, das Sanctissimum mit Baldachin und Begleitung zieht aus der Propsteikirche aus.
Der Film zeichnet dann den Prozessionsweg nach, der durch die Straßen der Innenstadt führt; an einer Stelle ist das damalige Gebäude der Union-Brauerei (heute: „Dortmunder U“) zu erkennen. Die Prozession ist eine eindrucksvolle Massendemonstration der Dortmunder Katholiken: Lange geordnete Reihen von Schülerinnen und Schülern, Kommunionkindern in ihrer Kleidung, Jugendlichen, Jungmännern, Erwachsenen, Ordensschwestern… Einen breiten Raum nehmen unzählige Fahnen von verschiedenen Vereinigungen ein: Marianische Frauenkongregation, Mütterverein, katholische Jugendorganisationen (Jungschar, Sturmschar) mit ihren Christusbannern. Auch die vereinigten Kirchenchöre der Stadt, unterstützt von Musikern mit Blechblasinstrumenten, sind aktiv beteiligt und singen während der Gehbewegung, wobei die Dirigenten rückwärts gehen müssen.
Der 30. Mai 1937, Sonntag nach Fronleichnam, war ein sonniger Tag. Nahaufnahmen von Kindern und Jugendlichen zeigen lächelnde und frohe Gesichter, der Zuschauer wird vom strahlenden Weiß der Kleider von „Engelchen“ geblendet. An insgesamt drei Stationsaltären wird der eucharistische Segen mit der Monstranz erteilt; unter der Vielzahl der Geistlichen ist der damalige Propst Aufenanger zu erkennen. Zum Schluss werden der Rückweg zur Propsteikirche, nochmals Glocken in Nahaufnahme und das Kreuz eines Stationsaltars gezeigt; der Schriftzug „Ende“ beschließt den Film.
Die zeitliche Einordnung des Films kann im Folgenden nur umrisshaft geschehen. Trotz des Reichskonkordats mit dem Vatikan vom 20.07.1933 nahmen die Nationalsozialisten jede Gelegenheit wahr, Kirche und kirchliche Einrichtungen massiv zu behindern, um die „Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“ voranzutreiben, die ab 1935 grenzenlose Ausmaße annahm. So verbot die „Polizeiverordnung gegen die konfessionellen Jugendverbände. Vom 23. Juli 1935“ „jede Betätigung, die nicht rein kirchlich-religiöser Art ist, insbesondere eine solche politischer, sportlicher und volkspolitischer Art“. Untersagt wurden u. a. Uniformen, Abzeichen, Wimpel und Banner, die auf die Zugehörigkeit zu einem konfessionellen Jugendverband verweisen. Zwar war die „Teilnahme an althergebrachten Prozessionen, Wallfahrten, Primiz- und anderen Kirchenfeiern sowie Begräbnissen“ von der Regelung ausgeschlossen, aber die Jugendgruppen wurden immer wieder unter Druck gesetzt, damit sie sich auflösten und in die Hitlerjugend eintraten. Der „Kirchliche Anzeiger“ für Dortmund wurde zunächst z. T. beschlagnahmt, mit Anzeigenverbot belegt und konnte am Sonntag nach Ostern zum letzten Mal erscheinen. Aufgrund einer Verordnung der Reichspressekammer vom 4.7.1936 war nur noch ein Bistumsblatt erlaubt; nach erfolglosen Protesten erschien ab jetzt das Blatt „St. Liborius“.
In jeder Pfarrgemeinde waren neben den sozialen Einrichtungen, meist von Orden geleitet, Gruppierungen der katholischen Jugend vorhanden, z. B. Bund Neudeutschland (ND), Kath. Jungmännerverband (KJMV), St.-Georgs-Pfadfinder, Deutsche Jugendkraft (DJK), Mädchen- und Frauenkongregation. Diese Gruppierungen wurden mit Verboten belegt, ihre Zusammenkünfte („Heimabende“) gestört, die Orte der Zusammenkünfte verwüstet. Provokationen durch die HJ waren an der Tagesordnung, Aufmärsche vor Kirchen mit lauter Musik und lautem Gesang am Sonntag zu Gottesdienstzeiten vor den Kirchen fast die Regel. Am 27.07.1937 wurde der KJVM verboten.
Im Gegenzug bekamen die alljährlichen „Bekenntnissonntage“ der kath. Jugend mehr und mehr politischen Charakter. Diese Sonntage fanden seit Anfang des 20. Jhdts. jeweils am Dreifaltigkeitssonntag (Sonntag nach Pfingsten) statt. Die kath. Jugendlichen zogen mit Fahnen und Wimpeln in ihrer „Kluft“ durch die Straßen. Genau auf diesen Sonntag legten die Nationalsozialisten ab 1935 für alle Zukunft ihr „Reichssportfest“. Daher wählten jetzt die kath. Jugendverbände das Christkönigsfest als neuen Bekenntnissonntag. Ihre Banner mit dem Christusmonogramm waren bewusst gegen die Hakenkreuzfahnen gerichtet, die Jugendvereine verstanden sich als christliche Alternative zur faschistischen Vereinskultur.
Einige Zahlen nur aus dem Jahr 1937, die für Dortmund bedeutsam waren, sollen die Einbettung des Films in seine schwierige Zeit verdeutlichen: 14.03.37 (Palmsonntag) Enzyklika Pius XI. „Mit brennender Sorge“; darauf folgen Wellen von Prozessen gegen Priester und Ordensleute. 19.07.1937 Das „Brüderkrankenhaus“ wird geschlossen. 28.08.1937 Kundgebung der „Deutschen Arbeitsfront“ in der Westfalenhalle, Enthüllung der Hakenkreuzfahne im Festsaal des Rathauses. Herbst 1937 Verbot des Religionsunterrichts, Entfernung von Kreuzen in den Schulen. 18. – 25.11.1937 Prozess gegen 40 führende kath. Jungmänner aus verschiedenen Gemeinden vor dem „Sondergericht“ Dortmund; es wurden 22 Geldstrafen zwischen 70 und 300 RM verhängt. Und in den folgenden Jahren sollte es noch schlimmer kommen…
Der abschließende Versuch, dem Autor, seiner Motivation und Intention, dem damaligen Adressatenkreis sich zu nähern und die Aktualisierung des Filmdokuments für die heutige Zeit herauszustellen, kann zu folgenden Gedanken führen: Als Dortmunder präsentiert der Autor das pulsierende Leben der von Kohle und Stahl geprägten Industriestadt. Als Katholik bettet er die seit 1851 in Dortmund alljährlich gefeierte Fronleichnamsprozession in das Großstadtleben ein, Zeichen eines schon vor dem „Kulturkampf“ gewachsenen Selbstwertgefühls der Katholiken. Die Kirchbauten verweisen auf die Vielzahl der zu jeder Pfarrei gehörenden Gruppen, Vereine und Orden hin, die vielen Dortmundern Hilfestellung und Heimat bieten. Diese Gruppen legen gemeinsam mit den Priestern und allen Katholiken ein überzeugendes Bekenntnis ihres Glaubens ab. Die Fronleichnamsprozession wird zu einer machtvollen Gegendemonstration gegen die Aufmärsche der braunen Horden in der Stadt. Ahnte der Autor, dass diese Fronleichnamsprozession eine der letzten großen Dortmunder Stadtprozessionen war, die trotz der immer stärkeren Unterdrückung der kath. Kirche durch das NS-Regime noch stattfinden konnte? Schon 1938 und in starkem Maße 1939 war die Prozession Einschränkungen unterworfen. Erst 1951 zum hundertjährigen Bestehen der Fronleichnamsprozession fand im Stadion „Rote Erde“ wieder eine große Fronleichnamsfeier mit über 20 000 Katholiken statt.
Die Vermutung, dass der Autor mit dem Film „Dortmund feiert Fronleichnam“ ein bloßes Zeitdokument mit hohem Erinnerungswert schaffen wollte, dürfte zu kurz greifen. Gerade die Präsentation der zahlreichen kath. Vereine und Gruppen, besonders der Jugendgruppen, der Ordensleute, das Zeigen der Segenshandlungen an den Altären und das Tragen des Sanctissimums durch die Dortmunder Straßen lassen den Film selbst zu einem Bekenntnis des Glaubens werden. Vielleicht hat der Film in den folgenden Jahren bei der Vorführung in kirchlichen Gemeinderäumen als Mutmacher gedient, für den Glauben auch in noch schwererer Zeit einzutreten. Und heute? Der Film lässt sich zunächst unter der Fragestellung ansehen: Wie konnte sich die kath. Kirche in Dortmund 1937 (noch) öffentlich artikulieren? Dazu bedarf es einer genauen Betrachtung der Zeitumstände, gerade in Dortmund, wo sich die erste NSDAP-Gruppe in NRW etablierte, was Widerstand provozierte, auch bei Katholiken. Aber der Film kann noch mehr bewirken: Er stellt die Frage an die heutige Generation, ob sie Zivilcourage und Mut zum öffentlichen Glaubensbekenntnis leisten kann und will.

Benutzte und weiterführende Literatur:

Pfarrchronik Propstei
Elisabeth Tillmann, Die NS-Zeit. Dortmunder Katholiken im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Resistenz. in: Montag, Tillmann, Spieker, Höltershinken (Hg), Die katholische Kirche in Dortmund. Paderborn 2006
Dortmund. Ein historischer Zahlenspiegel, Ruhfus Dortmund 1982
Elisabeth Tillmann (Hg), Dortmunder Katholiken unter dem Hakenkreuz. Erinnerungen von Zeitzeugen. Dortmund 1995
Dortmunder Katholiken unter dem Hakenkreuz. Katalog zur Ausstellung im Kath. Centrum Dortmund vom 31.10. bis 8.12. 1995 Dortmund 1995
Wikipedia: Fronleichnamsfest. Christkönigsfest.

Herbert Schnier

 

 

 




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