Dokumentationsstelle für Dortmunder Kirchengeschichte :: Publikationen :: Leseprobe zu Liesel Bellmann

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[...] Liesel Bellmanns jüngere Schwester Ännchen, die Goldschmiedin, hatte auf der Kunstgewerbeschule in Münster (Werkkunstschule, heute Fachhochschule) ihren späteren Mann, den niederländischen Künstler Jan Elders (später Dozent für Metallgestaltung an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam), kennen gelernt. Dieser empfahl Liesel ein Studium in Amsterdam. So entschloss sie sich als Vierunddreißigjährige, die insgesamt drei Semester in Münster und München studiert, aber weder einen akademischen Abschluss noch einen Gesellenbrief hatte, nochmals zu einem weiteren Studium in den Niederlanden. Dort studierte sie von 1954 bis 1956 in der Bildhauerklasse von Prof. Piet Esser (1914-2004) an der "Rijksakademie van beeldende Kunsten" in Amsterdam. Eigentlich begann das Studienjahr im Juli eines Jahres – Liesel Bellmann muss ihren Lehrer (vermutlich mit schon entstandenen Arbeiten) von ihrer Begabung so überzeugt haben, dass er sie noch im November in seine Klasse aufnahm.

Nach den Jahren des Nationalsozialismus vermittelte ihr ein Studium im benachbarten Ausland ein neues Gefühl der Freiheit. "Wir waren ja froh, als Hitler tot war. Wir konnten ja vorher nicht ins Ausland. Wir waren eingesperrt, wie in der DDR". Für die Fahrt nach Amsterdam fehlte ihr Geld für die Fahrkarte; daher radelte sie dorthin. In Amsterdam wohnte sie unter einfachsten Bedingungen in einem kleinen Zimmer in Amsterdam-Ost am Middenweg ("Ich habe diese Armut nie negativ gesehen."), denn die Wohnungsnot in Amsterdam war in der Nachkriegszeit groß. Durch kleinere Arbeiten in Holz (etwa eine Marienfigur aus Eiche, 41 cm groß) oder durch größere Aufträge wie die zwölf Apostelfiguren für den Hochaltar der Kirche St. Katharina in Lindern/Oldenburg ("Ich wünschte, es wären 20 gewesen.") konnte sie etwas zu ihrem Lebensunterhalt beitragen. Bei Verwandten von Jan Elders, dem Arzt Dr. Theo Schlichting und seiner Frau, die mit ihren zwölf Kindern ein offenes, gastfreundliches Haus führten, wurde sie immer herzlich aufgenommen. Über den "Foreign Student Service" kam sie in Kontakt zu anderen jungen Leuten. Diese 1951 gegründete Organisation wollte ausländischen Studenten helfen, sich in Amsterdam zurechtzufinden, zum Beispiel auch durch Erlernen der niederländischen Sprache. [...]

Als Prof. Esser ihr ein Stipendium für ein Zusatzstudium anbot, soll sie mit der für sie bezeichnenden Kompromisslosigkeit und Konsequenz freundlich mit der Begründung abgelehnt haben: "Die Deutschen haben unter Hitler den Holländern soviel Schlimmes angetan. Da würde es mich beschämen, mir als Deutsche von Holländern jetzt soviel Gutes antun zu lassen." Vielleicht wollte sie aber auch – mit 36 Jahren – endlich selbstständig arbeiten. Nach ihren eigenen Worten hatte sie durch das Studium in Amsterdam eine solide Basis erhalten, "auf der eigenes möglich [wurde]". Die Jahre in Amsterdam – und sicher auch der Kontakt zu ihrer Schwester und dem niederländischen Schwager – verhalfen ihr zu fließenden Kenntnissen der niederländischen Sprache, die später den Pfarrer der Amsterdamer Gemeinde "Goede Herder" ("Zum Guten Hirten") verblüffen sollten. Als Liesel Bellmann für seine Kirche ein Kruzifix schuf, gab sie ihm in einem Brief vom November 1990 eine Interpretation ihres Kreuzes "in het Nederlands!" [...]

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