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Leseprobe zu Heinrich Stephan:

Heinrich Stephan wurde am 7. März 1896 im deutschsprachigen Dorf Máriakéménd/Kemend, etwa 25 Kilometer südlich von Pécs/Fünfkirchen in Südungarn (in der so genannten "Schwäbischen Türkei") als erstes von fünf Kindern einer deutschsprachigen donauschwäbischen Familie geboren. Seine aus Máriakéménd stammenden katholischen Eltern waren der Landwirt Heinrich Stephan und seine Frau Rosa geb. Ulrich. Stephans Vorfahren väterlicherseits waren im 18. Jahrhundert aus der Region Fulda zugewandert. In Stephans Geburtsjahr war Fünfkirchen, im Komitat [Bezirk] Baranya/Branau gelegen, ein Teil der Donaumonarchie Österreich-Ungarn. Nach dem Ende der Monarchie am 31.10.1918 war es zwischen 1918 und 1921 von Serbien besetzt und nach dem Vertrag von Trianon ab 1921 wieder endgültig Ungarn eingegliedert.

Warum "Donauschwaben" und "Schwäbische Türkei"?

"150 Jahre lang waren große Teile Ungarns unter türkischer Herrschaft. ... Nach der Befreiung Ungarns von der Türkenherrschaft warben das Kaiserhaus und die Grundherren Siedler zum Wiederaufbau des dünn besiedelten und teilweise brachliegenden Landes an. ... Erste deutsche Siedler kamen bereits Ende des 17. Jahrhunderts in die Gegend um Ofen [= Buda, später mit Pest vereinigter Stadtteil des heutigen Budapest] und Pest. ... Die Hochphasen der Einwanderungswellen werden als 'Schwabenzüge' bezeichnet. Die Möglichkeit, Land zu günstigen Bedingungen zu erwerben, lockte zahlreiche Siedler an. Geschätzte Zahlen liegen bei 150.000 bis 200.000 Menschen (für das gesamte Königreich Ungarn und das Banat). Die Nachkommen der Siedler bilden die Mehrheit der Ungarndeutschen, die in Ungarn bis heute als 'Schwaben' (ung. Svábok) bezeichnet werden, auch wenn ihre Vorfahren aus Hessen, Franken, der Pfalz, dem Elsass, dem Saarland oder den habsburgischen Erblanden stammten. Nicht gebräuchlich war vor den 20er Jahren der Begriff 'Donauschwaben', der inzwischen als Sammelbegriff für Ungarndeutsche ... benutzt wird. Auf den heutigen Staat Ungarn bezogen waren besonders ... [in] der sog. Schwäbischen Türkei ... zahlreiche Dörfer von den deutschen Bewohnern, ihrer Mundart, ihren Sitten und Arbeitsweisen geprägt."

"Die ... Gegend der Baranya/Branau und auch der Tolna/Tolnau ... erhielt den deutschen Namen Schwäbische Türkei und hatte neben seiner Hauptstadt Pécs/Fünfkirchen als zweites großes Zentrum in der Tolnau Szekszard. ... In Fünfkirchen nahmen die Ungarndeutschen regen Anteil an der Entwicklung der Stadt mit ihrer elektrischen und chemischen Industrie, sowie an ihrer Lebensmittelindustrie, zumal die Ungarndeutschen auch im Umland maßgeblich am Obst-, Wein- und Gemüsebau beteiligt waren."

Kindheit und Jugend

Um sich eine Vorstellung von der Kindheit Heinrich Stephans machen zu können, lohnt es sich, bei Kronfuss nachzulesen: "Stephan konnte kein Wort ungarisch, als er in die Schule kam .... Seine Lehrer sprachen alle gut deutsch, aber nicht alle richtig madjarisch [ungarisch]. Sie waren ja mit der früher deutsch gewesenen Schule übernommen worden. Die Schulkinder hatten selbst ihren Spaß daran und verulkten sie: 'Franczi bácsi nyiss ki gyerek, dob ki ajtó!' (Onkel Franzi, mach Kind auf, wirf Tür hinaus). Selbst der Lehrer für ungarische und deutsche Sprache ... sprach nur sehr 'schwabisch' ungarisch ... Gewisse Schwierigkeiten ergaben sich aber für die Schulkinder auch in der deutschen Sprache wegen ihrer Mundart" (als Beispiel für eine der ungarndeutschen Mundarten: "In de Mundoat zu schreim is koanet so aafach, s Lesn is vielleicht noch schweara! ... Dazua wunsch i dir vul Erfolg und kuate Laune dazua."). Erst auf dem Realgymnasium in Fünfkirchen lernte Stephan richtig Ungarisch. [...]

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